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Die Herausforderung Weihnachten

Weihnachten gilt als das Fest der Liebe, doch für viele Familien bringt es auch Stress und Konflikte mit sich. Hohe Erwartungen, Termindruck und das Streben nach Harmonie können zu Spannungen führen. In unserem Interview erklärt Dr. med. Julia Wagener, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Ärztliche Leitung der LWL-Tagesklinik und Institutsambulanz Bottrop, warum gerade zu den Feiertagen häufig Konflikte entstehen und wie besser mit dem Druck umgegangen werden kann.

Warum kommt es gerade an Weihnachten in vielen Familien häufiger zu Konflikten?

Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Es kann viele Gründe geben, weshalb es in Familien zu Konflikten kommt. Weihnachten gilt als „Fest der Liebe“. Da passen Konflikte ja eigentlich gar nicht. Gerade dieser Anspruch auf ein perfektes, harmonisches „Fest der Liebe“ kann jedoch zu Stress und Druck bei jedem Einzelnen führen. Zudem möchten viele Menschen allen Familienmitgliedern gerecht werden. Es werden hohe Erwartungen an Weihnachten und das Gelingen des Festes geknüpft. Je höher die Erwartung, desto leichter kann man enttäuscht werden.

Die Vorweihnachtszeit bedeutet für viele Stress: In den Schulen werden viele Arbeiten geschrieben, die Kinder und Jugendlichen kommen an ihre Grenzen und sind großem Druck ausgesetzt. Zudem müssen Geschenke besorgt werden, das Weihnachtsessen muss geplant werden und für viele Familien wird es zum Drahtseilakt den Kindern, Eltern, Geschwistern, Schwiegereltern und Großeltern gerecht zu werden. Das fängt schon damit an, wenn überlegt wird, ob man die Eltern oder Schwiegereltern Heiligabend oder am 1. oder 2. Weihnachtsfeiertag trifft. Eine Einladung an Heiligabend wird möglicherweise als höhere Wertschätzung als eine Einladung am 1. Weihnachtsfeiertag empfunden.

Besonders herausfordernd ist die Weihnachtsplanung bei getrennt lebenden Eltern. Da kann dann die Frage, bei welchem Elternteil die Kinder Heiligabend sind, möglicherweise zu massiven Konflikten auch im Vorfeld führen. Die Vorstellungen darüber, wie das Fest gestaltet werden soll, sind bei den einzelnen Familienmitgliedern möglicherweise unterschiedlich, was ebenfalls zu Konflikten führen kann.

An Weihnachten kommen außerdem häufig Familienmitglieder der Herkunftsfamilie zusammen. Man trifft zum Beispiel Geschwister, zu denen man sonst wenig Kontakt hat. Die einzelnen Familienmitglieder „schlüpfen“ in ihre altbekannten Rollen im Familiensystem. So kann „die immer schon dominante große Schwester“ oder der „immer schon dominante große Bruder“ das Fest bestimmen. Alte Muster und Dynamiken in Familien werden möglicherweise reaktiviert. Ein unpassendes Geschenk kann mehr bedeuten, als einfach ein unpassendes Geschenk zu sein, wenn man sich von den Eltern oder den Geschwistern sowieso schon immer zurückgesetzt fühlte. Da kommen dann vielleicht Gefühle auf, die eigentlich nicht zu der aktuellen Situation passen, sondern viel mit früheren Verletzungen zu tun haben. Auch das lange Zusammensein mit der Familie an den Feiertagen kann zu Stress führen, da es möglicherweise wenig Freiräume für den Einzelnen gibt.

Umgang mit Konflikten an Weihnachten - kein Patentrezept

Wie kann man in angespannten Situationen deeskalierend reagieren und was hilft, damit Weihnachten harmonisch verläuft?

Dafür gibt es kein „Patentrezept“. Es hängt von den individuellen Umständen und dem Grad der Angespanntheit einer Situation ab. Natürlich auch davon, welchen Charakter man hat, ob man eher ein konfliktscheuer oder ein konfliktliebender Mensch ist. Jeder geht unterschiedlich mit Konflikten um. Deshalb kann ich da eigentlich keine pauschalen Tipps geben. Ich versuche es trotzdem. Wichtig ist aber, dass es sich bei den Tipps nur um Ideen handelt, die nicht für jeden passend sein müssen.

Wenn man selbst einen Anteil an der angespannten Situation hat, kann es helfen, den Auslöser der Anspannung zu thematisieren und zu versuchen, die Unstimmigkeit zu klären. Das ist möglicherweise schwer, insbesondere, wenn es sich um reaktivierte Dynamiken in Familien handelt. Auch hängt es vom Gegenüber ab, ob sich die Unstimmigkeit unkompliziert klären lässt. Wenn Reden nicht hilft, kann es sinnvoll sein, sich aus der Situation zu entfernen. Zum Beispiel eine Runde um den Block zu gehen. Geht es darum, dass Weihnachten auf jeden Fall harmonisch sein soll, muss man vielleicht auch mal „etwas herunterschlucken“ und nach Weihnachten klären. Das heißt, die eigenen Bedürfnisse zugunsten eines harmonischen Weihnachtsfestes für Alle zurückstellen. Das ist vielleicht der beste Weg für ein harmonisches Weihnachtsfest, wenn man es aushält.

Sollte es in der Familie zu Konflikten kommen, an denen man selbst nicht beteiligt ist, kann man versuchen als dritter die Situation zu analysieren. Das kann im besten Fall zur Klärung, im schlechtesten Fall aber auch zu weiterer Eskalation führen. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, dass die Dinge nicht an Weihnachten geklärt werden müssen und das Thema zu wechseln, die Konfliktpartner zu trennen oder eine Aktivität wie ein Spiel oder einen Spaziergang vorzuschlagen.

Sollte es zu einer heftigen Eskalation mit psychischen Ausnahmesituationen oder Gewalt kommen, müssen entsprechende externe Helfer hinzugezogen werden (Polizei, Jugendamt, Ärzte).

Wünsche und Erwartungen kommunizieren

Welche Strategien können Familien im Vorfeld nutzen, um Erwartungen abzugleichen und Missverständnisse zu vermeiden?

Wichtig ist schon frühzeitig verbindlich zu planen. Die einzelnen Familienmitglieder, auch Kinder und Jugendliche, sollten ihre Erwartungen und Wünsche an das Weihnachtsfest klar formulieren dürfen. Hier sollte jedes Familienmitglied ernst genommen werden. Es sollte allen bewusst sein, dass nicht jedem vollumfänglich entsprochen werden kann und Kompromisse geschlossen werden müssen. Auch Bedenken sollten im Vorfeld thematisiert werden dürfen. Die Vorbereitungen sollten auf alle Schultern verteilt werden und nicht an einer Person oder wenigen Personen hängen bleiben. Jedes Familienmitglied kann dazu beitragen, dass das Weihnachtsfest ein „frohes Fest“ wird. Das wichtigste ist, Wünsche und Bedenken im Vorfeld klar zu kommunizieren und vorher verbindliche Absprachen bezüglich der Planung zu treffen. Wenn eine große Familie zusammen kommt, kann es hilfreich sein, schon im Vorhinein dafür zu sorgen, dass genügend Freiräume bestehen. Aktivitäten wie Spaziergänge oder Ausflüge können die Situation entzerren.

Natürlich wäre es wünschenswert, die Erwartungen herunterzuschrauben. Erwartungen haben allerdings auch mit Vorfreude und Spannung zu tun. Sie machen das Weihnachtsfest besonders und gehören dazu. Dennoch sollte man die Familie und sich nicht mit unrealistischen Vorstellungen vom Weihnachtsfest unter Druck setzen.